London 2019 nach 12 Tagen

Nach 12 Tagen 28 Vorstellungen gesehen zu haben, ist definitiv viel. Langsam gewöhne ich mich an Tagen mit drei Vorstellungen. Bei früheren Besuchen war das nur selten, dieses Mal schon vier Mal – zum Glück ist eine Show davon immer kurz.

„The Secret Diary of Adrian Mole Aged 13¾“ und „Merrily We Roll Along“ in der Guildhall School London sind meine absoluten Höhepunkte. Ansonsten – wie erwartet – große Show, wo bei den Compilationshows statt „Tina“ mich eher „On Your Feet!“ im London Coliseum beeindruckte.

Und der TKTS Schalter hat mich noch gar nicht gesehen, sondern eher die Kassen an den Theatern selbst für Dayseats. Was für eine wunderbare Erfindung!
Zwar ist dieses dynamische Preissystem für die Theaterkarten manchmal ein Fluch, kann aber auch ein Segen sein, wenn dann die Karten kurzfristig extrem günstig werden.

Aber auf alle Fälle gilt: Bloß keine Plätze leer lassen! Lieber günstig verkaufen. Das nehme ich doch gerne an.

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3 von 5 * für den Fiddler von Anatevka

DER Trevor Nunn kann „Fiddler on the Roof“ gerne so für die kleine Menier Chocolate Factory inszenieren, aber das ginge besser. Vor allem fehlt oft einfach die Titelfigur auf der Szene und die Korrespondenz geht ins Leere. Denn der Fiddler ist auch der einzige Fiedler in der Achter-Band. Und diese hörbar dürftige Lösung, die für das 200 Plätze Theater als Profiproduktion zu teueren Eintrittspreisen schon nicht akzeptabel war, ist beim West End Transfer selbst ins Playhouse eine Frechheit. Aber Zuschauer scheint das nicht weiter zu stören. Kennen sie es nicht mehr besser?

Erstaunlich flott ist die Fassung. Sehr effektiv, wenn auch ein paar Sachen weggelassen werden (nicht aber der Dorftratsch). Hier haben die Juden Angst vor den Katholiken und das Verhältnis zum Wachtmeister ist auch nicht das beste. Immerhin reicht Feyda/Sascha Tevye die Hand, der misstrauisch ihm folgt. Spielerisch bleiben bei Robert Maskell, der in der besuchten Dienstagsmatinee den Tevye übernahm von Andy Nyman, doch viele Kleinigkeiten zu glatt. Da ist Maria Friedman eine differenzierte Golde.

Da das Konzept aus der schrecklich kleinen Menier CF stammt, spielt alles auf dem selben Dorfplatz. Ziemlich ziemlich einfach. Immerhin erzählen die Kostüme die Charaktere. Das Laufen durch den Zuschauerraum erzählt leider nicht wirklich was und alles bleibt quasi gleich. Auch bei der Abschiedsszene am Bahnhof.

Schon wirklich gut gemacht, es könnte noch besser inszeniert und gedacht sein, mit tollem Licht und Sound, aber musikalisch instrumentiert ist es eine Frechheit.

Dayseats nicht an der Tageskasse, sondern nur in der TodayTix App.

3 von 5 * für Joseph in London

„Joseph…“ war noch nie ein gutes Musical. Die auf abendfüllend aufgeblasene musicalische Fingerübung lebt von drumherum. In der Neuauflage im Londoner Palladium wird auf Ex-Joseph Jason Donovan gesetzt, der den Pharao wie gewohnt als Elvis unterm „Welcome to Egypt“-Schild rocken kann – natürlich erst nach der Pause. Die bekannte Comedian Sheridan Smith („Funny Girl“, TV) ist nicht nur die Grimassen schneidende Erzählerin, sondern springt humorvoll als Vater Jacob und Mrs. Potiphar ständig umher. Das kann man so besetzen. Das muss ich dann nicht noch einmal sehen.

Die – eigentlich viel zu wenigen – Kinder auf der Bühne (waren es acht?) übernehmen Rollen wie Potiphar, Bäcker, Diener oder vier von Josephs Brüdern. Das ausgerechnet mit Vollbärten an Gummibändern. Jüngere Brüder hätte ich beinahe noch verstanden, aber dann das 2019? Was absolut als Verarschung des Publikums gesehen werden muss: da die vier Kinder nicht so viel mittanzen und steppen, übernimmt das das männliche Tanzensemble, von denen zeitweise bis zu neun auf der Bühne sind. Seit wann hat Joseph 13 Brüder, Mr. Laurence Connor?

Jac Yarrow macht sein professionelles Debüt als Joseph recht ordentlich, wird aber selbst von der Produktionsfirma nicht als „der neue Star“ aufgebaut. Dann halt eben nicht. Das Bühnenbild bietet Größe ohne wirklich für mich Stil zu entwickeln. Eine Sandwüste mit Versenkung als Brunnen und im Hintergrund fahrende Wände. Leider funktionierten in der besuchten Voraufführung die sich schräg stellen lassenden Hubringe nicht, was technisch sehr komplex ist, aber eigentlich klein und verzichtbar erschien.

Bei den Kostümen wird ab und zu auch zum Heute wieder zurück gewechselt, ansonsten orientalische (?) Gewänder und ein Mantel, der im Inneren goldgelb ist und außen neu gedacht, eher dunkelblau mit bunten Applikationen ist. Wie schon geschrieben: Kann man gerne so machen, muss mich nicht wirklich beeindrucken.
Aber mein Bedarf an blinkenden Scheinwerfer mit wechselnden Größen ist für Wochen gedeckt. Selten fand ich Licht so billig, wenn auch extrem aufwändig und viel gemacht. Da wird einfach nicht Theater gemacht, sondern nur Popkultur drüber gegossen.

Im Graben dirigiert John Rigby 14 Musiker inklusive drei Keyboards. Der Sound der 70er ist nicht so einfach mit den modernen Geräten zu immitieren. Das ist nicht schlecht und geht gut mit Rhythmus. Für Josephs Verkauf wurde auch einiges aus Jesus Christ Superstar zusammengestellt, oder war das schon immer so?

Ein nettes Programmheft für GBP 5,-, kompetentes Einlasspersonal und wohlwollende Sicherheitskräfte hat leider schon Seltenheitswert am West End. Wenigstens hier wieder ein Pluspunkt.

Vom 27. Juni bis 8. September 2019 im Palladium („The King and I“ 2018), was danach wieder „nur“ Konzerthaus sein möchte. Auch so eine Marketing gemachte Publikumsverdummung.

5 von 5 * für City of Angels in London

„City of Angels“ ist Ansicht ein herausragend intelligentes Musical. Wenn es zudem mit großem Orchester und variablen Bühnenbild mit vielen Kostümen in punktgenauer Inszenierung und Choreografie gezeigt wird, ist es schlicht ein Knaller. Es ist neben „The Wild Party“ eins der Abschlussmusicals der einjährigen Masterfortbildung an der Londoner Royal Academy of Music. Das Ensemble vom letzteren Stück zeigt zeigte im Anschluss einen 25 minütigen Musicalshowcase, der für sich wunderbar unterhielt.

„City of Angels“ wurde auch mit zwei Besetzungen einstudiert, wobei die Hauptdarsteller in der anderen Vorstellung dann Nebenrollen übernehmen. Und das junge Ensemble kann was! Besonders der fiese Hollywoodproduzent Buddy Fiddler.

Das erinnert mich auch die verschiedenen Produktionen in Deutschland, die ich davon inzwischen gesehen habe. Und was für wunderbare Darsteller da gespielt haben. Unvergessen.

Neben der schlauen Ausstattung, was an Kreativität und Menge selbst deutsche Stadttheater nicht hinbekommen, gab es auch mal ein richtig gutes, wie auch sinnvoll bezahlbares Programmheft. Inzwischen selten in London.

Ab jetzt gehören die Musicalaufführungen der RAM zum jährlichen Kalender. Unbedingt. Ansonsten: da hat man was verpasst.

5 von 5 * für Merrily We Roll Along

Was für eine großartige Inszenierung, die nur eine Woche leider gezeigt wird: „Merrily We Roll Along“ an der Londoner Guildhall School. Das oberflächlich betrachtet sperrige Stück bietet einen Hit nach dem anderen. Aber eben selten im Kontext der Vorlage sind sie sonst zu hören.

Es geht um drei Freunde und die Veränderungen, die die 20 Jahre davor gebracht haben. Denn szenenweise geht es zeitlich rückwärts.

Was zur Uraufführung definitiv noch irritierend war, erscheint heute richtungsweisend. Und der Zuschauer erfährt eher nebensächlich wichtige Ereignisse und deshalb ist der persönliche Umgang so zentral und nachdrücklich.

Die Produktion müsste sofort in Deutschland einstudiert werden von Musicalklassen oder Amateurgruppen. Besetzen ist nicht das Problem. Jedenfalls so produzieren und inszenieren können wir nur selten. Zudem das aufwendige Kostüm- und Bühnenbild.

Jedes Jahr zeigt die Guildhall Anfang Juli ihr Musical. Meist eine Ausgrabung. Immer ein Grund, unbedingt nach London zu reisen und für günstige GBP 20,- etwas Herausragendes zu sehen.

Ausblick auf den Juli 2019

Ausblick auf den Juli 2019:
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Da Anfang Juli die final-year actors der Londoner Guildhall School im Silk Street Theatre traditionell ihr Musical zeigen (mit Matineen am Freitag UND Montag) und dieses Jahr sogar Stephen Sondheims bisher nur einmal gesehenes „Merrily We Roll Along“, bin ich im Juli länger in London. Da kommt die deutsche, extrem weit auseinander gezogene Freilichttheaterszene nicht mit und weckt kein Interesse. Interssante Stücke, Regisseur*innen und Besetzungen reichen da einfach nicht an London heran.

Volles Programm dort in London, obwohl „Amour“ wegen schlechten Kartenverkaufs sehr frühzeitig abgesetzt wurde (und ich zwei Mal sehen wollte) und die Kartenpreise mit drei Premiumstufen eigentlich unbezahlbar werden. Das widerum hat zur Folge, dass die Theater nicht voll sind und viel unternehmen, um wenigstens am Abend ausverkauft zu sein. Selbst „Tina“ hat nun als Rush Tickets bezeichnete Dayseats im Angebot. „Aladdin“ hört – schon – auf im Prince Edward Theatre und Les Misérables“ verlässt am 13. Juli 2019 für Renovierungsarbeiten das Queen’s Theatre – anschließend Umzug ins Gielgud, aber nur konzertant.

Berlin bietet große Vielfalt und zeigt an einem Abend gleichzeitig „Spatz und Engel“ (Renaissance Theater), „Cabaret“ (Tipi am Kanzleramt Berlin), „Drachenherz“ (UdK-Musical in der Neuköllner Oper Berlin) sowie die BB Promotion Tourneen „Chicago“ (Admiralspalast Theater Berlin) und „Star Dust“ (Komische Oper Berlin). Würde ich alles sehen wollen, wenn ich es noch nicht gesehen hätte und überhaupt da wäre.

Viele interessante Kinofilme starten, die sehenswert sind:
Am Donnerstag, 4.7.2019, Kinostart „Traumfabrik“, am 11. Juli 2019 „Yesterday“ und „STREETDANCE – FOLGE DEINEM TRAUM!“ sowie am 18. Juli 2019 die diesjährig dritte „Realverfilmung“ eines früheren Disney-Zeichentrickfilms: „Der König der Löwen“.

25 Musicals hatte die Musicalzentrale auch gemeldet – leider sind keine Uraufführungen gekennzeichnet.
Einige Inszenierungen von Operetten und Musicals fehlen noch? Bitte anmerken. Vielen Dank an alle, die mich rechtzeitig auf Produktionen hinwiesen oder von denen ich sie übernehmen konnte. Auf rechtzeitige und elektronische Plakate und Banner freue ich mich ebenfalls.

Extreme Vielfalt in den Stücken – nur von „Cabaret“ gibt es eine Premiere und eine Wiederaufnahme.
meine 30 Musical- und 5 Operettenpremieren sowie 8 Wiederaufnahmen mit Übernahmen von Operetten, Musicals (inklusive Uraufführungen?) vermischt im Juli 2019:

Ein seltsamer Heiliger oder ein irrer Duft von Bibernell (Wolgast 3.7.),
ÜN Tscharleys Tante (Wien 3.7.),
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren (Kassel 4.7.),
Der Mann von La Mancha (Ettlingen 4.7.),
Der Vetter aus Dingsda (Röttingen 4.7.),
Shockheaded Peter – Struwwelpeter (Magdeburg 5.7.),
WA Anatevka (Heidelberg 4.7.),
Die lustige Witwe (Weitra 5.7.),
Hair (Bad Gandersheim 5.7.),
Elisabeth – halbszenisch? (Wien 5.7.),
WA Elfen-Feuer ZWISCHEN FELSEN (Ehrenfriedersdorf 6.7.),
WA Der Zigeunerbaron (Ehrenfriedersdorf 7.7.),
Oper erleben: Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat (Dortmund 10.7.),
Der Zauberer von Oz (Kempten 10.7.),
Al Dente – Ich bin hier Le Chef (Bad Gandersheim 10.7.),
Fly me to the moon (Melk 10.7.),
Ich war noch niemals in New York (Thun 10.7.),
Das Land des Lächelns (Mörbisch 11.7.),
Eine Hochzeit zum Verlieben (Salzhemmendorf 12.7.),
Non(n)sens (Eichstätt 12.7.),
Funny Girl (Bad Hersfeld 12.7.),
WA Cabaret (Berlin 12.7.),
Zigeunerliebe (Baden 13.7.),
Im weißen Rössl (Bad Ischl 13.7.),
Aida (Schwäbisch Hall 13.7.),
WA Priscilla – Königin der Wüste (München 15.7.),
The Rocky Horror Show (Amstetten 17.7.),
WA Wir sind mal kurz weg (Dresden 17.7.),
Breaking Free – A Tribute To Queen (Bad Leonfelden 18.7.),
Mona Lisa – Das Musical (Altenkrempe 19.7.),
Der Spuk persönlich (Berlin 20.7.),
Best of 2019 (Hamburg 20.7.),
Heiße Ecke (Horn-Bad Meinberg 20.7.),
Der Watzmann ruft (München 25.7.),
Doktor Schiwago (Tecklenburg 26.7.),
Der Graf von Monte Christo (Staatz-Kautendorf 26.7.),
Cabaret (Steyr 26.7.),
WA Pflanz der Vampire (Wien 26.7.),
Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs (Hamburg 27.7.),
Blues Brothers (Ehrenfriedersdorf 27.7.),
Fast normal (Marburg 30.7.),
Artus Excalibur (Zwingenberg 31.7.)

3+ von 5 * für Drachenherz

Die vielen unterschiedlichen Situationen spielen die neun Musicaldarsteller*innen wirklich großartig. Sie stellen pubertierende Jugendliche in einer fiktiven Kleinstadt oder Gemeinde dar, die ihren eigenen Platz und Bedeutung hauptsächlich mit Kräftemessen und Gewalt finden. Das wird blutig und tödlich.

Doch trotz einem Autor und einem Komponisten zerfasert der Abend in sich nicht zwingend bindende Szenen mit begleitenden Liedern. Kein Konzeptmusical, kein Genremix, auch kein Anti-Nazi-Stück, jedenfalls nicht genug. Das jedenfalls wäre was gewesen. Es ist halt ein Coming-of-Age-Stück, wo die jungen Darsteller brillieren können und ihre Chancen wahrnehmen. Inszeniert von ihren Professoren in gemeinschaftlicher, gleichberechtigter Arbeit.

Das Außergewöhnliche und Bahnbrechende aber ist die Entstehung. Denn Peter Lund erarbeitete den Stoff mit seinen Musicalstudenten vom dritten Studienjahr für und im Auftrag der Theater Chemnitz, die die komplette Produktion vor Ort probten und alle als Gäste engagierte. Und Drachenherz spielt dort im Repertoire vor UND nach den Aufführungen in der Neuköllner Oper in Berlin. Das bringt einem neuen Musical extrem hohe Aufführungszahlen. Vielleicht schließen sich auch gleich noch andere Stadttheater an, bevor die Studenten ihren Abschluss machen und als Musicaldarsteller für das Theater in der Menge nicht mehr zu bezahlen sind. Und die Autoren und die Universität der Künste in Berlin haben auch einige Vorteile, auch wenn viel Ungewöhnliches zu organisieren gilt.

Leider haben mir die letzten Musicals wie „Kopfkino“ und „Welcome to Hell“ auch schon nicht wirklich sehr gefallen. Dafür waren die jungen Darsteller rundum zu empfehlen. Sie muss man schon in dieser Produktion wenigstens einmal gesehen haben. Und Einspringerin Sophia Euskirchen in der Rolle der auf dem Postkartenfoto vergessenen Brünning war einmal mehr einfach grandios.