Ein Deutscher in London bei An American In Paris

Das „An American In Paris“ – nach dem Film, nach der Uraufführung in Paris und nach dem Erfolg am Broadway – nach London kommen sollte, lies 2016 den Plan entstehen, im Frühjahr wieder in London zu Gast sein. Eigentlich bin ich überrascht, dass es mich überraschen konnte. Die Superlative zur Beschreibung fehlen. Und in London sehe ich oft großes Regietheater – mehr als in Deutschland.

Es ist die Kombination vom Erzählen von Geschichten und Personen, die in einer Gemeinschaft ihren eigenen Platz finden müssen. Plus die vielen Gershwin-Lieder, große Bühnenbilder, gerne abstrakt, phänomenales Licht, ein super Ton plus einmal mehr die Charaktere erzählenden Kostüme (!). Hinzu ein Orchester, was nach Orchester klingt, auch wenn es nicht so groß ist.

Die Geschichte macht den Abend spannend. Paris kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Verbliebene Amerikaner treffen auf ihr Leben wieder einrichtende Franzosen. Wie kann der Neuanfang aussehen? In welchen Konstellationen? Wer liebt hier wen?

Der große Tanz- und Ballettanteil macht „An American In Paris“ so herausragend. Und der gewisse Old-fashioned-Style war nie aus der Mode.

Das die Produzenten sich in dem großen Dominion Theatre London um Zuschauer bemühen müssen, ist nicht wirklich überraschend. Aber dann doch nahezu ausverkauft. Aber es gibt Dayseats für GBP 25,-

Fazit: Da muss ich noch ein zweites Mal hin! Und auf Deutschland hoffe ich hier nicht, denn die Theatermacher würden so etwas natürlich lieber selbst erfunden haben und niemals importieren. In Berlin wäre die Komische Oper mehr als der treffende, absolut richtige Ort. Vielleicht für eine Sommerbespielung?

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Coole Girls, Krebs und ein Kalender

Eins der Musicals, die eben mehr bieten. Es geht eben nicht nur um ältere Frauen, die sich für einen Jahreskalender fast nackt fotografieren lassen – und der Zuschauer die Freude hat, ihnen gerade bei diesem künstlerisch grandios unerfahren gespielten Vorgang zuzuschauen. Sondern es geht um eine Gemeinschaft von Bewohnern, die sich lange kennen und zusammen leben müssen. Es fällt schwer, den anderen die Wahrheit zu sagen. Oder ihnen bei ihren persönlichen Problemen beizustehen. Und dabei über den eigenen Schatten springen.

Annies Ehemann, der so gerne Sonnenblumenkeime sät, ist an Krebs erkrankt. Die Therapie ist für beide Kräfte zehrend und John plant die Rede bei seiner eigenen Beerdigung. Wie dies Verarbeiten? Wie ein Weiter? Da Chris einen Kalender für die Frauenvereinigung zusammenstellen soll, hat sie zum Ende des ersten Akts die Idee: Sie lassen sich bei ihrer Arbeit oder im Haushalt nackt fotografieren – für jeden Monat muss eine gefunden werden.
Und dieser erste Akt hat es in sich. Bietet das, was Theater bieten kann, ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Nicht nur was erzählt wird, sondern das WIE macht es zu einem herausragenden Erlebnis. Auch beruht das 2016 in Leeds uraufgeführte und im umgebenden Raum von Yorkshire spielende Musical „The Girls“ auf einer wahren Geschichte sowie dem Schauspiel „Calender Girls“. Dies hat der Autor zusammen mit Gary Barlow als Duo zu einem Musical umgearbeitet. Die Lieder sind vielleicht nicht die Höhepunkte, aber sie verbinden wunderbar und können die emotionale Berg-und-Talfahrt so wunderbar erlebbar machen.

Da sitze ich nun im Phoenix Theatre London und werde zu tiefst berührt. Besonders im ersten Akt, wo der zweite dann mich wieder auffangen kann. Natürlich kann ich spezielles im Humor nicht verstehen, aber dieses Musical überrascht durch das MEHR, was es zu bieten hat. Plus dem Ausblick, dass die Gemeinschaft mehr zu bieten hat, als einer alleine durchstehen kann.
Und der Erkenntnis, dass diese 24 Rollen von einem deutschen Stadttheater und auch Schauspielhaus mit Bravur besetzt werden können.

Fuck ju Mozart

„School of Rock“ ist ein aktuelles Theaterstück passend zu unserer Zeit. Auch wenn es eine Filmadaption ist und für mich untypische Noten von Andrew Lloyd Webber zu hören sind, geht es dem Vertretungslehrer David und seinen 13 Schülern um etwas. Um viel. Um das Zusammenleben lernen. Wie jeder seine Stärken hat, macht es dann die Mischung. In den Eltern kann sich das Publikum wieder finden, die Jugendlichen wiederum finden Mut in der Coming-of-Age-Geschichte der Schoolkids. Alles vom feinsten, schlau und flüssig erzählt, perfekte, nicht aufdringliche Ausstattung, fantastisches Licht. Und die Tonabmischung ist unglaublich natürlich bei der ganzen Lautstärke.

Selbst auf Selbstironie wird nicht verzichtet („Nie wieder ‚Memory‘ an diesem Ort“ – im Ex-Cats-New London Theatre). Plus Lieder und Geschichten, die bleiben. Ein Zitat hat Andrew Lloyd Webber doch eingebaut: „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ aus Mozarts „Zauberflöte“. Aber als Adaption rockt selbst Mozart.
Zum Glück bin ich größer als 164 cm und so hatte ich keine Sichtbehinderung aus der 1. Reihe. Worauf auf der Eintrittskarte sicherheitshalber hingewiesen wurde. Auch einmal erwähnenswert ist, dass in London die Kinder als Bühnenkünstler geachtet und mit vollem Namen – wie ihre erwachsenen Kollegen – angekündigt werden. Entgegen der einsetzenden Unsitte in Deutschland. London ist stolz auf die vielen Talente, fördert sie und hat viele Shows, wo sie zwei Mal die Woche auftreten.

Münze mit zweiter Chance – Half A Sixpence

Ob die Stereotypen und allseits bekannte Geschichten wie „einfacher Junge“ kommt durch Erbschaft in adelige Kreise, uns heute einfach nichts zu sagen haben, so dass der dritte Rang bei „Half A Sixpence“ im Noël Coward Theatre London geschlossen ist und drei statt zwei Matineen- vornehmlich fürs ältere Publikum – gespielt werden?
Die Geschichte überschaubar, die Typen bekannt, doch was die Chichester-Festival-Produktion in London zeigt, ist große Kunst. Denn zu diesem hervorragenden Ensemble aus Jung und Alt – angeführt vom spiel-, tanz- und springfreudigem Charlie Stemp als Arthur Kipps – kommt ein raffiniertes, Licht durchflutetes Bühnenbild mit drei Drehringen, was quasi ganz auf den Schnürboden verzichtet. Dazu traumhafte und viele Kostüme, bestes Licht und fahrende Projektionen. Mit dem Old-Fashion-Anstrich aber frisch und perfekt gemacht.

Eigentlich könnte die Produktion von der neuen Staatsoperette identisch übernommen werden. Aber auch sonst bietet es Solisten, Chor und Ballett in vielen Szenen viele Möglichkeiten. Wunderbare Szenen, aber der kleinen Band fehlt manchmal der Klang zum großen Orchester. Und zum Applaus spielen dann alle auf dem Banjo!

Fazit: Die Chance auf „Half A Sixpence“ in der neuen Version kann doch nicht verschenkt werden.

Ein Traum von 42nd Street

Lange habe ich so eine perfekte Musicalproduktion nicht gesehen. Und der Moment, wenn plötzlich wie aus dem Nichts die Bühnen breite Treppe vor einem steht, bleibt im Gedächtnis.
„42nd Street“ steht für oldfashioned mit viel Stepptanz. Und Theater auf und über das Theater. Ein Niemand, Peggy Sawyer, wird entdeckt und tanzt und arbeitet sich in die Herzen der Kollegen und des Publikums in der neuen Show „Pretty Lady“. Viele Kostüme und Bühnenbilder plus feines Licht gehören dazu und glänzen. Im Graben ein kleines Orchester, was gut klingt und größer sein könnte. Einmal mehr wird der Dirigent bei der Ouvertüre sichtbar halb hoch gefahren …

Dieses große Ensemble glänzt in den vielen großen Momenten im großen Theatre Royal Drury Lane, wo schon einmal – in den 1980ern – eine Produktion zu sehen war (Regie: Lucia Victor). Einzig der Julian Marsh war nicht ganz mein Fall.
Beim Schauen konnte ich mir gleich einige andere Darsteller aus Deutschland vorstellen, die perfekt in dieses Arrangement passen. Die in Deutschland bekannte Jasna Ivir („Mamma Mia!“, „Elisabeth“) ist als Komödiantin Maggie Jones groß dabei – wieder auf der Bühne, wo sie zuvor als Mrs Gloop in „Charlie and the Chocolate Factory“ mehrere Jahre zu sehen war.
Überraschenderweise wurde der Bühnenboden nicht wesentlich höher, so dass auch aus der 1. Reihe die Zuschauer die Füße auf der Bühne tappen sehen.

kalter Dunst bei wilder Party

Es geht um den kurzen Moment des Glücks. Eine wilde Party ist das Mittel zum Zweck. Genommen wird, was da ist: Sex, Alkohol, Drogen, neue Partner. Doch die Erlösung ist ernüchternd. Und mich hat Michael John LaChiusas Musicalversion von „The Wild Party“ im gerade von St. James Theatre in The Other Palace umgetauften, modernen Kellertheater in London-Victoria leider kalt gelassen.

Die solistischen Zutaten sind exquisit, die Bühnenfläche klein und konzentriert, doch das Musical ging an mir spurlos vorüber. Lag es an den zu vielen Charakteren oder waren sie alle von meinem Hier-und-Jetzt zu weit entfernt? Tolle Darsteller, perfekt eingespieltes Ensemble, individuelle Kostüme, ein kleines Orchester links über der Szenenfläche, die schlau mit Möbeln bespielt wird plus grandiosem Licht mit viel Dunst.

Scheinbar ging es nicht nur mir so und das Publikum kam nicht so wie gehofft. Erstaunlicherweise offerierte der neue Theaterbesitzer (Really Useful Group) in vielen Portalen, damit die Zuschauer den Weg in sein neues Domizil für neue Musicals finden.

Mal sehen, was kommt. Ich schaue mal, ob mich die gleichaltrige und -namige „The Wild Party“-Version von Andrew Lippa von 2000 eher ansprechen kann.

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„The Wild Party“ im The Other Palace London – 2017

Geniales Durcheinander beim Pley Z Goose Wronk

„The Play That Goes Wrong“ ist seit dem 14. September 2014 ein Hit im 500 Plätze Duchess Theatre (Davor schon im Old Red Lion Theatre und im Trafalgar Studio ausprobiert). Theater auf dem Theater produziert Chaos pur – mit größter Präzision und Freude. Das Theater meist ausverkauft, die Mischief Theatre Company produzierte Nachfolgekomödien wie „The Comedy About A Bank Robbery“.
Es geht um eine Amateurgruppe, die bei einem Durchlauf ihres Krimis alles Mögliche erlebt, was nicht auf der Bühne passieren sollte. Alle dummen Gags komprimiert in einer Komödie – das wollte ich endlich gesehen haben. Ein Fest! Und diese ernste Leichtigkeit! Beeindruckend. Vielleicht nicht der Humor von jedem Zuschauer, aber eben ein volles Haus seit Jahren. Ein Jahr spielt dieses Ensemble von acht Darstellern acht Mal die Woche frisch und frei. Chapeau!

„Chaos auf Schloss Haversham“ hatte es inzwischen auch nach Deutschland geschafft und erlebte am 12. November 2016 seine deutschsprachige Erstaufführung im Großen Haus vom Theater Hof unter der Intendanz des Musical affinen Reinhardt Friese, der offenbar das West End gut kennt. Es folgte das Fritz Rémond Theater im Zoo, Frankfurt am Main, vom 3. Dezember 2016 bis 22. Januar 2017. Die österreichische Erstaufführung und dritte deutschsprachige Inszenierung folgte als „Mord auf Schloß Haversham“ beim Theaterforum Humiste in Imst vom 17. Dezember 2016 bis 29. Januar 2017.
Egal wie groß oder klein das Theater ist, egal ob Profi oder Amateure. Es ist Können, Kunst und große Freude. Die Komödien der Mischief Theatre Company gehören dauerhaft auf die deutschsprachigen Spielpläne.