Mehr als erstaunliche Manns

Selten konnte ich in der letzten Zeit so gelungenes politisches Theater mit Haltung erleben wie gerade im Renaissance Theater Berlin mit „Amazing Family – Die Reise der Familie Mann“. Gar nicht alle Manns werden portraitiert oder gar gradlinig nacherzählt. Es wird gestritten und behauptet. Eher werden Momente und Reaktionen gezeigt – und das meist mit Originalzitaten von oder über diese historischen Persönlichkeiten. Was sperrig klingt und wahrscheinlich inhaltlich gar nicht gefallen will, ist umso überzeugender in der Aussage und als Theaterspiel. Das schlaue Stück von Regisseur Torsten Fischer und Ausstatter Herbert Schäfer schon vor drei Jahren geschrieben, sollte am 3. Mai 2020 uraufgeführt werden und besticht nun seit dem 27. Juni 2021 mit mehrfacher Zeitlosigkeit. Das muss erst einmal gelingen und es ist großartig gelungen! Die Zuschauer strömten in das von Guntbert Warns seit dieser Spielzeit geleitete Theater.

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Peter Kremer in Amazing Family – Die Reise der Familie Mann – Uraufführung am 27. Juni 2021 am Renaissance Theater Berlin © Frank Wesner

Natürlich bin ich vom großen Spielertheater begeistert. Zum einen glänzen die Schauspieler*innen durch Doppelrollen – gerade diese Gegensätze geben Facetten Raum. Rauch von Zigarren liegt zusammen mit fein gesetzten Sprechpausen in der Luft. Dazu gibt Peter Kremer das Familienoberhaupt und Bruder Thomas Mann als intellektuellen Überlegenen, der viel zu spät erkennt, dass er vor seinem Volk, was ihn schätzt und er liebt, längst hätte fliehen müssen. Thomas Mann möchte in Deutschland der 1930er bleiben und nicht durch Flucht den aufkommenden Machthabern moralisch in die Hände spielen. Peter Kremer kann diesen Zwiespalt wunderbar aufzeigen und mit Nachdruck die Fragen dieses Zeitzeugen verdeutlichen. Trotz der immer wieder auftretenden Zeit- und Ortsprünge in der Entwicklung des Stücks kann Dank diesem präzisen Ensemblespiel der Zuschauer gespannt folgen und Parallelen ziehen. Zu den Manns gesellt sich noch Opportunist Gustaf Gründgens bzw. Hendrik Höfgen, den Intendant Guntbert Warns mit mephistolischer Lust verkörpert.

Eine klare Kostümsprache mit wenigen Veränderungen plus einen bühnengroßen Spiegel parallel zum Publikum sind zentrale Elemente der Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos. Wenig entfaltet große Wirkung auf der kleinen Bühne des einzig vollständig erhaltenen Art-Déco-Theaters Europas. Das führt auch zum Glanz der UFA mit Fräcken und Zylindern plus gemeinsamen Gesang. Harry Ermer hat die musikalische Leitung vom Flügel rechts vor der Bühne aus. Manche musikalische Ergänzung kommt zudem aus den Lautsprechern.

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Amazing Family – Die Reise der Familie Mann – Uraufführung am 27. Juni 2021 am Renaissance Theater Berlin © Frank Wesner

Torsten Fischer schafft es in diesen fast zwei Stunden an Text und Informationen plus Pause die Spannung auf das unweigerlich Kommende aufrechtzuhalten. Spielszenen schaffen Abwechslung obwohl oder trotzdem das Siebenerensemble fast immer vollständig auf der Bühne steht. Einzig der (zeitliche) Aufwand mit dem zusätzlichen umgekippten, dritten Tisch – von Technikern mühsam auf die Bühne gezerrt weil so schwer – will mir nicht einleuchten, wo doch kaum etwas dazu gewonnen wird außer jegliches Timing zunächst zu verlieren. Aber der Regisseur hat sein Stück und die Manns gekonnt im Griff, kann die Zuschauer in den Bann ziehen und ihnen einen Spiegel vorhalten. Was für ein grandioser Abend! Zum Ansehen und Erstaunen bestens empfohlen.

Die eigenen Fotos zu dieser Produktion sind hier im Blog zu finden.

Amazing Family – Die Reise der Familie Mann
von Torsten Fischer und Herbert Schäfer

Uraufführung am 27. Juni 2021 am Renaissance Theater Berlin

Regie: Torsten Fischer | Ausstattung: Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos | Musikalische Leitung: Harry Ermer
mit Peter Kremer (Thomas Mann), Markus Gertken (Heinrich Mann / Hans Otto), Imogen Kogge (Katia Mann / Therese Giehse), Boris Aljinović (Klaus Mann), Judith Rosmair (Erika Mann / Elisabeth Bergner), Guntbert Warns (Gustaf Gründgens – Hendrik Höfgen), Noëlle Haeseling (Ein junges Mädchen / Pamela Wedekind / Nicoletta von Niebuhr / Sängerin – Trude Hesterberg / Nelly, Heinrichs zweite Frau), Harry Ermer (Piano)

Amazing Family – Die Reise der Familie Mann – Uraufführung am 27. Juni 2021 am Renaissance Theater Berlin © Frank Wesner

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