Verschlossener Iron Curtain Man

Wie wird ein Stück über einen Countrysänger, der nicht viel zu sagen hatte? Fasziniert der Mythos um den Selbstmord vor 34 Jahren mehr als die 47 Lebensjahre von Sänger-Schauspieler Dean Reed?
Bei „Iron Curtain Man“ stechen einige Einzelleistungen hervor, überzeugen und gefallen. Insgesamt bleibe ich nach 100 verschenkten Minuten ratlos zurück, schlage lieber in Onlinelexika nach und bleibe enttäuscht und verärgert. Der Abend fing schon mit der automatischen Ansage mit AHA-Belehrung der Neuköllner Oper Berlin entmutigend an. Es folgte dann eine vorgeblich Coronakonforme Inszenierung mit Abständen untereinander und Plexiglasscheiben auf der Bühne. Doch Kostümteile werden ebenso weitergereicht.

Die Regiearbeit von Fabian Gerhardt gefiel mir sehr und das alle sechs Darsteller (drei Frauen, drei Männer) irgendwann in der Rolle der Hauptfigur schlüpfen ist nicht neu, aber sehr gelungen hier. Nicht unerwartet stach Sophia Euskirchen hervor aus einem beinahe ungewöhnlich großartigen Ensemble. Das gewisse Etwas hatten auch Frédéric Brossier, Meik van Severen, die sechsköpfige Band, die Arrangements und der Sound, wenn auch die Lieder ärgerlich lose – inhaltlich wie im Stück – platziert wirkten. Bei mir erreichten sie keinerlei Interesse, nicht einmal, dass ich Interesse bekomme, im Anschluss mehr über die Lieder und deren Hintergründe zu erfahren. Da war das Zuordnen der eingestreuten Jingles ansprechender.

Der Regisseur Fabian Gerhardt ist gleichzeitig mit Lars Werner der Autor dieser „Show“. Wurde es ein Zeit-, Gesellschafts- oder Sittenbild? Verschiedene Zeitebenen ohne Rücksicht auf Verfolgbarkeit zu mixen, lässt das Abenteuer eher kurzweilig als über die Dauer der Aufführung wirken. Große geschichtliche Sprünge über Ländergrenzen helfen auch nicht. Selbst die naheliegende Bedeutung als DDR-Schauspieler und in Berlin-Rauchfangswerder Lebender, wo er sich im Zeuthener See ertränkt hat, wird viel zu wenig im Stück verknüpft und betrachtet. Verschenkte Chance einer verschenkten Geschichte. Gut gemacht, aber mir bleibt alles viel zu sehr verschlossen.

Iron Curtain Man
Eine letzte Show für Dean Reed, den „Elvis der DDR“
Von Fabian Gerhardt / Lars Werner (Text) und Claas Krause / Christopher Verworner (Musik)

Uraufführung am 3. September 2020 in der Neuköllner Oper Berlin

Regie: Fabian Gerhardt | Musikalische Leitung: Claas Krause / Christopher Verworner | Choreografie: Lilit Hakobyan | Bühne: Michael Graessner | Kostüm: Sophie Peters | Videos: Vincent Stefan | Dramaturgie: Änne-Marthe Kühn
Mit Frédéric Brossier, Sophia Euskirchen, Raphael Dwinger, Franziska Junge, Claudia Renner, Meik van Severen und Mitgliedern des VKKO (Verworner-Krause-Kammerorchester)

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