Sperrige Gemengelage

Stella 20160623 Neuköllner Oper Berlin - Sujet hochkant_

Singend und tanzend Aspekte des Naziterrors beleuchten, ist nicht neu. Doch bei einem relativ unbekannten Thema auch noch wild und wahllos durch die historischen Zeiten springen, lässt es kaum verständlich werden. Eigentlich wollte ich „Stella – Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm“ unbedingt zwei Mal sehen, aber den zweiten Besuch spare ich mir. Trotz herausragendem Ensemble. Bei Stück und Umsetzung halte ich mich mit einer Empfehlung zurück.
Obwohl gerade die Beleuchtung eines Einzelschicksals, die zur Mitarbeit beim Aufspüren von versteckten Juden erpresste junge Frau Stella, den kaum selbst reflektierenden Charakter doch nahe bringt. Verständlich wird das Handeln und das Stück kaum.
Eher auch verwirrend versorgen die fünf Männer um sie herum die Zuschauer mit Fakten und Informationen. Das schafft Distanz. Gemischt wird Stellas Überleben zu Kriegszeiten mit dem Nachkriegsgerichtsverfahren und ihren Erinnerungen. Rahmenhandlungen sind momentan sehr beliebt, aber bei „Miss Saigon“ zeigte sich erst kürzlich, wie wertvoll das Entzerren der Vermischungen war. Sinnigerweise gibt es keinen Kurfürstendamm und keine Spielszenen mit dem blonden Gespenst genau dort. Dafür eben die schon erwähnten Berichte. Mich nimmt so was nicht ein.

Wolfgang Böhmer, der mit Autor Peter Lund schon die Musicals wie „Das Wunder von Neukölln“, „Love Bite“, „Leben ohne Chris“, „Stimmen im Kopf“ oder auch „Jedermann – Die Rockoper“ uraufgeführt hat, geht musikalisch andere Wege. Keine Rockmusik und rhythmischen Schläge. Schon die Instrumentierung mit den solistischen Musikern ist spannend, erregt meine Aufmerksamkeit und erinnert zuweilen an Kurt Weill. Das musikalische Beschreiben der Szenen führt zu Anklängen von „Sunday in the Park with George“, es gibt intime Momente und auch große Revuenummern.

Martin Berger inszeniert mit der Spielfläche in der Mitte, die Sichtbehinderungen fallen nicht sehr ins Gewicht. Leider wird das ganze Schicksal nicht klar, eher gegenteilig. Viel an Spiel und Tanz wird geboten. Den Einsatz von Videoeinblendungen und Kameraübertragungen hätte ich lieber auf der Szene gesehen. Einzig die abstrakte, überdimensionale Spielschachtel von Sarah-Katharina Karl sticht auffallend gut heraus. Was vor allem durch die Vielseitigkeit und durchleuchtbaren Spiegelflächen entsteht.

Ein exzellentes Ensemble von Musicaldarstellern, die große Variabilität zeigen, gibt der Aufführung Kraft und Ausstrahlung. Aber das hatte ich auch erwartet (und erwarten können). Doch es bleibt extrem wenig nach dem Abend wirklich im Gedächtnis. Eher nur das eingesperrt und umringt sein von Stella und ihrer Welt, wie sie sie sah.

Neuköllner Oper Berlin 2016 © Frank Wesner - Banner1_

Neuköllner Oper Berlin 2016 © Frank Wesner

Stella – Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm
Komposition: Wolfgang Böhmer | Buch: Peter Lund
Uraufführung am 23. Juni 2016 an der Neuköllner Oper Berlin

Regie: Martin G. Berger | Musikalische Leitung: Tobias Bartholmeß / Hans-Peter Kirchberg | Choreographie: Marie-Christin Zeisset | Ausstattung: Sarah-Katharina Karl | Video: Roman Rehor

Stella, das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm: Frederike Haas | Rolf Isaaksohn und Ensemble: Jörn-Felix Alt | Walter Dobberke und Ensemble: Victor Petitjean | Friedheim Schellenberg und Ensemble: Markus Schöttl | Samson Schönhaus und Ensemble: Samuel Schürmann | Stellas Vater und Ensemble: David Schroeder | Yvonne, Stellas Tochter: Isabella Köpke

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