Ob Ouzo reicht?

schöne Helena 2 © Frank Wesner_

Die Inszenierung der „Schönen Helena“ in der Pasinger Fabrik in München ist OK. Aber leider mehr auch nicht. Die lockere Fassung von Regisseur Marcus Everding erzählt von nervösen Sänger_innen bei der ersten Bühnenorchesterprobe der Operette. Doch mit Musikbeginn ist das vergessen und die simple Entführungsgeschichte entwickelt sich. Es wird gewechselt zwischen französisch und griechisch / deutsch, was aber auch keinen Extraschwung bringt.
Auf neun Sänger ist das spielfreudige Ensemble gekürzt, Orest und Achill spielt im Charakter von Achill eine Frau allein. Alle Rollen sind doppelt besetzt.

Das zehnköpfige Orchester von Münchens kleinstem Opernhaus ist leider auch keine Freude. Viele Farben ergeben nicht immer Klang, vielleicht wären weniger mehr. Der musikalische Leiter Andreas Pascal Heinzmann begleitet sehr aufmerksam die Sänger und übernimmt dann und wann das Schlagwerk. Überraschend gibt es musikalische Einlagen von George Gershwin, Richard Wagner und Jacques Offenbach. Mehr Abwechslung und Ideen bei den Fanfaren wäre nötig gewesen.

Das spartanische Bühnenbild stellt eine halbfertige Theaterproduktion dar, die Kostüme kleiden die Charaktere in historische Wickelgewänder. Leider ist das Licht schlecht, knallig und viel zu wenig und dann oft auch zu schnell wechselnd.

Die Helena von Debora Berghuijs gibt sich unnahbar mit netter Opernstimme und schrecklichem Dialog. Operette ist eben nicht Oper – eigentlich müssten gerade die Macher es besser wissen, doch … Selbst im Programmheft wird auf ihr deutsches Operndebüt extra hingewiesen … So etwas will ich nicht auf der Bühne erleben.

Anton Klotzner als Prinz Paris ist hingegen eine sängerische und spielerische Freude – alle Akte hindurch. Mir gefallen auch sehr gut Tibor Brouwer als Agamemnon, Ana Schwedhelm als Achill und Florian Drexel gewinnt als Großaugur Kalchas und neidischer Priester an Bedeutung. Plus dem weiteren, musikalischen Ensemble!

Am Ende hat Menelas Dank der auslegbaren Doppelmoral einen anderen, unkriegerischen Plan und will auf Helena warten, bis sie gelangweilt und angewidert aus Troja zurück kommt. Derweil nutzt er die Zeit mit Bachis und Agamemnon verschwindet mit Achill, der aber doch eigentlich sein Sohn ist …

Es ist eben etwas besonderes, in einem Saal zu sitzen, wo ich das Gefühl habe, dass niemand weiter merkt, dass nach der Pause die Orpheus-in-der-Unterwelt-Ouvertüre angestimmt wird. So wenig gebildet ist heutzutage das ältere Bildungsbürgertum in München …

„Die schöne Helena“
Musik von Jacques Offenbach | Buch von Henri Meilhac und Ludovic Halévy (beide im Programmheft sträflicherweise nicht genannt!)

Premiere am 16. Juni 2016 in der Pasinger Fabrik in München, bis 14. August 2016 inklusive sechs Freilichtaufführungen auf Schloss Blutenburg

Inszenierung & Textfassung: Marcus Everding | Musikalische Leitung: Andreas Pascal Heinzmann | Arrangement: Jörg-Oliver Werner & Andreas Pascal Heinzmann | Ausstattung: Claudia Weinhart | Lichtgestaltung: Jo Hübner | Regieassistenz: Andreas Teodoru

Helena: Karolina Plicková / Debora Berghuijs | Paris: Anton Klotzner / Andreas Stauber | Kalchas: Florian Drexel / Bernd Gebhardt | Agamemnon: Tibor Brouwer / Paul Wiborny | Achill: Maria Helgath / Ana Schwedhelm | Bachis: Nina Schulze / Carolin Ritter | Menelas: Stefan Kastner / Robert Gregor Kühn | Ajax I: Alexander Helmer / Lemuel Cuento | Ajax II: Maurizio Casa / Burkhard Solle | Es spielt das 10-köpfige Orchester von Münchens Kleinstem Opernhaus

schöne Helena Banner © Frank Wesner_

„Die schöne Helena“ in der Pasinger Fabrik in München 2016

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s