Verrückter Mozart!

Mozart! über die Flegeljahre Mozarts in Salzburg, auf Tournee und in Wien ist zurück in Wien. In einem anderen Theater – nun das Raimund – und mit neuer Inszenierung des Uraufführungsteams. Das beginnt stark und spannend und lässt ebenso schnell nach. Alles zerfasert, zerfällt, zerbröselt. Gutes Musical wäre besser. Hat Harry Kupfer ein wahlloses Regisseurtheater entfesselt?
Cembalo am Flügel spielen ist schon schrecklich, der Auftritt der Hair-Hippies Familie Weber noch schrecklicher. Die falsche Rockgitarre Mozarts ein Graus-Schmaus.

„Hier in Wien“ zu Beginn des zweiten Teils ist absolut verzappelt. Wer singt da überhaupt? Neben der Choreographie sind die Kostüme ebenso unentschieden. Modern oder Barock? Und Mozart in weiß, aber wieso ständig umgezogen? Schrecklich einfallslos. Ein kurzer Lichtblick dann Colloredos Auftritt im Morgenmantel. Mozart kann da nicht mithalten und verliert.
Auch die große Bühne verwundert. Flügel und Stühle – alles ok. Aber ständig muss auf der Drehscheibe hinten alles kurz verschoben werden, damit es passt. Auto, Kutsche und Billardtisch werden unter einer gehobenen Projektionsfolie durchgeschoben, da die Seiten leider verbaut sind. Doch das eigentlich mehr als ärgerliche sind die lächerlich langweiligen Hintergrundprojektionen. Vielleicht noch der Ort wird eingeblendet. Doch warum fehlt das Jahr? Das ist arrogant. Dann haben die Bilder eine gewisse Beliebigkeit. Und warum bitte bewegen sich die Bilder nicht, verändern sich in der Szene? Wenn dann Nebel aufsteigt und das Bild sich quasi auflöst, dann ist da Theater. Ansonsten ist da eine künstlerische Katastrophe zu sehen.

Zwar wurde einiges geändert, aber nicht wesentlich Spürbares. Zwar sind Schikaneders Auftritte das einzige, was zur historischen Musikgeschichte verbindet, doch leider im Musical leicht ersetzbar, streichbar und überaus entbehrlich. Leider leider. Zu dem ist beim Zauberflöten-Applaus die Frage, wer da Tamino und Papagena wäre. Ungeklärte Detailfragen wie auch die Projektion des historischen Theaters an der Wien mit verstörend modernen Scheinwerfern im Portal hängend. Warum kommen wenn schon – denn schon die Künstler nicht im aktuellen Raimund Theater an?

Das Ensemble ist hervorragend. Für mich eine Freude, auch viele Zweitbesetzungen im Vergleich zu sehen, die der Erstbesetzung nicht nachstehen. Wirklich nicht. Aber es gibt da auch viel zu differenzieren. Wenn aber alle sicher im Ensuite-Spiel sind, dann kommt es eben auf das Sprechen der Satzzeichen an. Auch in so einer hochklassigen Produktion keine Selbstverständlichkeit.

Eine Neuinszenierung, die eher mehr Fragen aufwirft als Interesse bewirkt. Statt der Hoffnung auf eine weitere Deutung eher die Erkenntnis, dass es ein anderes Stück über Mozart wohl braucht.
Und wenn es so gut läuft, warum wird die Laufzeit verkürzt bzw. nach Ostern nicht fortgesetzt? Unklar genauso wie die Premierenverschiebung von Anfang auf Ende September 2015. Alles so mysteriös …

Eine lächerliche Anekdote noch: Plötzlich kommt für zwei Vorstellungen Thomas Borchert als Papa Mozart zurück (Wann im Januar genau?). Die Aufführungen sollen zu Dokumentationszwecken – ganz wichtig! – aufgezeichnet werden. Was natürlich niemand glaubt (dokumentiert ist das schon längst!). Und passend zur letzten Vorstellung dann die offizielle Information, dass eine DVD und auch Blu-Ray in Kürze erscheinen sollen. Welch eine Überraschung. Quasi ein Schelmenstreich Mozarts?Mozart! 20160315 Raimund Theater Wien - Kreative_

„Mozart!“ von Sylvester Levay und Michael Kunze
Vereinigte Bühnen Wien im Raimund Theater Wien – Premiere: 24. September 2015, letzte Vorstellung am 20. März 2016

Regie: Harry Kupfer | Musikalische Leitung: Koen Schoots | Choreographie: Dennis Callahan | Bühnenbild: Hans Schavernoch | Kostüme: Yan Tax | Lichtgestaltung: Jürgen Hoffmann | Tongestaltung: Thomas Strebel | Videogestaltung: Thomas Reimer

Wolfgang Amadeus Mozart: Oedo Kuipers | Leopold Mozart: Thomas Borchert | Hieronymus Colloredo: Mark Seibert | Constanze Weber: Franziska Schuster | Nannerl Mozart: Barbara Obermeier | Baronin von Waldstätten: Ana Milva Gomes | Cäcilia Weber: Brigitte Oelke | Graf Arco: Jon Geoffrey Goldsworthy | Schikaneder: Johannes Glück | Fridolin Weber; Thorwart: Stefan Poslowski | Aloysia Weber: Karolin Konert | Josepha Weber: Rebecca Soumagné | Sophie Weber: Sina Pirouzi | Amadé: Illia Hollweg, Sophie Wilfert, Max Dörflinger, Lucas MacGregor
Ensemble: Abla Alaoui, André Bauer, Dorothea Baumann, Sebastian Brandmeir, Nicolas Boris Christahl, Judith Jandl, Jessica Kessler, Maximilian Klakow, Susanna Panzner, Martin Pasching, Florian Peters, Sina Pirouzi, Stefan Poslovski, Jennifer Siemann, Anne Marijn Smulders, Thorsten Tinney, Linda Veenhuizen, Lucius Wolter
Swings: Jil Clesse, Floor Krijnen, Raphaela Pekovsek, Gernot Romic, Jakob Semotan, Carl van Wegberg

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