Politisch und poetisch

Das Ensemble des Berliner Überraschungserfolgs vom vorletzten Jahr („Der helle Wahnsinn” Uraufführung am 24.07.2014) ist zurück auf der Bühne des Wintergarten Varieté. Musiktheater mit Tanz und Akrobatik. Vier Musiker sind oben platziert und auf der Bühne befinden sich alle im Irrenhaus der Nachkriegszeit. Insassen und Individualisten, Typen und Künstler. Kein Nummernvarieté. Ganz großes Kino – immer ganz live.

Was schon mit einem Knaller einsteigt und mit Geschichte konfrontiert, nimmt von Beginn an ein. Herbert Maria Freiherr von Heymann hat das Konzentrationslager Buchenwald – „mit dem hübschen rosa Dreieck“ – überlebt und wegen Paragraph 175 im Gefängnis gesessen. Jetzt erobert er das Irrenhaus und erinnert sich an die erfolgreichen, freizügigen 1920er Jahre: „Rainbow over Berlin“. Für einen amerikanischen Fernsehsender wird eine Revue (in der Revue) probiert, mit der alle Hoffnungen verbinden und befreit sein wollen. Dieser Abend lebt vom Gesamtkonzept aus: Geschichte, Musik, Personen, Licht und Sound(erzeugung). Handgemacht, live, voller unbändiger Energie und mit viel Interaktion der eigentlichen Solokünstler.

Was ist das Geniale, woher dieser Erfolg in Berlin? Alle riskieren was, gehen an ihre Grenzen und die des Publikums. Der Wintergarten bietet den glanzvollen Rahmen, doch der „helle Wahnsinn“ blickt unter die Fassaden und bringt sagenhaftes ins Rampenlicht.

Jack Woodhead, der Komponist des Abends, glänzt als Klavier spielender Heymann, der mit starkem, britischen Akzent eine Show auf die Bühne stellt. Miterfinder David Pereira glänzt mit Akrobatik und Tanz als schüchterner Punka im Kleid oder Shorts. Florian Zumkehr als Irrer Karl das Messer weiß erneut stark für sich einzunehmen. Collin Eschenburg und Matthias Fischer, die eigentlich als Duo Collins Brothers auftreten, wissen Komik und Ernsthaftigkeit, Magie und Akrobatik zu verbinden. Artist Angel Caycedo ist aber wie 2014 schlecht in das Ensemble intergriert – hat sich nichts gebessert – und Rummelsnuff als Hans die Woge empfinde ich immer noch als nervig. Wenn aber mit ihm Bodypercussion gemacht wird, dann hat es wieder was, dass der Muskelmann auch diese spielen lassen kann.

Was da Autor und Regisseur Markus Pabst mit seinen elf Künstlern und den vier teilweise mitspielenden Musikern auf die Bühne gezaubert hat, ist eine der besten Theaterproduktionen in Berlin. Mit politischer Meinung, klar und ablesbar. Trotzdem vielfältig und unterhaltend. Eine offen gelegte Energie gepart mit dem Risiko, nicht zu gefallen und anzuecken, was wiederum die Zuschauer begeistert. Mit seiner Künstlergruppe BASE Berlin ist er inzwischen auf der Suche nach neuen Standorten, wo diese Produktion oder auch ein Ableger davon gezeigt werden kann – international! Und die Vorstellungen werden live mitgeschnitten, damit bald eine CD erscheint.

Das Wintergarten Varieté unter Georg Streckers Leitung für die Arnold Kuthe Entertainment GmbH wird am Ende des Jahres seine neuen, mondänen Örtlichkeiten unter der Hofdurchfahrt eröffnen und möchte gegen Sommerende nächstes Jahr, wenn das vor 25 Jahren eröffnete Varieté sein Jubiläum feiert, einen echten Wintergarten angebaut und eröffnet haben. Das ist mehr als ein Plan. Ein Ort in Berlin, den man nicht nur kennen, sondern erlebt haben muss.

„Der helle Wahnsinn” im Wintergarten Varieté vom 22. Februar bis 5. Juni 2016 mittwochs bis sonntags

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