plötzlich zu viel Religion

„Disgraced“ ist endlich in Berlin zu sehen. Unter dem Titel „Geächtet“ offenbaren die Plaudereien beim Abendessen einen schmerzhaften Diskurs über eine bürgerliche Gesellschaft. Dass das auf großer Bühne geschieht, ist santinis production (Geschäftsführer ist Ivan Vrgoč) zu verdanken, die nach dem erfolgreichen „Eine Familie im August: Osage County“ wieder das Theater am Kurfürstendamm Berlin gemietet haben.

2012 hatte das Schauspiel von Ayad Akhtar Uraufführung in Chicago. 2012 gewann es den „Joseph Jefferson Award for New Work – Play or Musical“ und 2013 gab es den begehrten „Pulitzer Prize for Drama“ sowie den „Obie Award for Playwriting“. Die Broadway Produktion bekam eine Tony Award Nominierung als Bestes Schauspiel 2015.

Was passiert, wenn Religion, Beruf und Familie nicht voneinander getrennt werden? Wenn – abgelegte und verdrängte – Religionszugehörigkeiten plötzlich in den Vordergrund treten oder gezerrt werden? Seziert werden menschliche Abgründe, Schwächen und Vorurteile anhand zweier Paare und eines Neffen.

Regisseur Arash T. Riahi gibt den Dialogen Raum und Luft auf der Drehbühne mit dreieckiger Schräge und Tisch. So kann der Zuschauer mitten hinein in die Geheimnisse und Konstellationen. Das ist in den 90 pausenlosen Minuten überaus spannend. Die Stimmungen wechseln. Mal geht es ums banale Zusammenleben, doch plötzlich werden Werte und Positionen verhandelt.

Mehdi Moinzadeh als zur Disposition gestellter Anwalt Amir bringt den Abend mit seiner Präsenz auf den Punkt. Katja Sallay als Ehefrau Emily mit Gutmenschenwahn, Ehrlichkeit und Seitensprung lässt Eheidylle hinterfragen. Dazu gibt Dela Dabulamanzi die starke Anwältin und Konkurrentin Jory, Gunther Gillian den smart erfolgreichen Galeristen Isaac und Rauand Taleb den Neffen Abe, der religiöse, vermeintlich eigene Wurzeln entdeckt.

Geächtet - Disgraced 20160128 Theater am Kurfürstendamm Berlin - Plakat 1452519896_plakatneumitkatjaundivanEin explosives Ensemble voller spannender Wortgefechte. Die Konsequenzen werden seziert, wenn Religion oder Beruf sich ins Private einmischen dürfen: die Beziehungen scheitern und Veränderung bleibt nur noch übrig. Das sollte man sich in Berlin nicht entgehen lassen.

Geächtet“ („Disgraced“)
von Ayad Akhtar, Deutsch von Barbara Christ

Premiere am 28. Januar 2016 im Theater am Kurfürstendamm Berlin – bis 27. März 2016

Regie: Ivan Vrgoč, Bühne: Paul Lerchbaumer, Kostüme: Neit Pazos, Lichtgestaltung: Henning Streck, Dramaturgie: Patrick Wildermann, Regieassistenz: Leon Langhoff
mit Katja Sallay, Mehdi Moinzadeh, Dela Dabulamanzi , Gunther Gillian und Rauand Taleb
(ursprünglich war als Regisseur Arash T. Riahi angekündigt und Cosma Shiva Hagen als Emily)

Fotos copyrightfrei für produktionsbezogene PR bei Nennung des Grafikers Marcel Weisheit

Geächtet - Disgraced 20160128 Theater am Kurfürstendamm Berlin - Banner

 

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