Commercial Culture Art

Am Dienstag ein nahezu ausverkaufter Friedrichstadt-Palast Berlin. Das Publikum ist begeistert. Berechtigt. Eine große Revue mit großen Höhepunkten. Inzwischen leicht modifiziert – den Auftritt der Hunde-Pudel habe ich dann doch nicht vermisst.
Die Artisten sind die starken Anker des Erfolgs: White-Gothic bieten kraftvolle Equilibristik – heute nur zu dritt, doch wer merkt das … Duo Markov zeigen exzellente Luftakrobatik mit Nervenkitzel und Luftanhalten. Dazu ein BMX-Fahrradakrobat und zwei Unterwasserschwimmerinnen. Alles stark verwoben in das Showkonzept. Die Kostüme von Regisseur und Designer Manfred Thierry Mugler überraschen eher durch viel Individualität – plus Eleganz in Reihe. Das Bühnenbild funktionell sparsam mit einer sagenhaften, wandelbaren Showtreppe quer über die Bühne. Ein bestimmt Millionen schweres Highlight. Immerhin soll nach Angabe des Intendanten Dr. Bernd Schmidt die ganze Revue die 10 Millionen Euro Grenze an Produktionskosten überschritten haben.
Die Lichtgestaltung ist einfach sagenhaft und Atem raubend. Unglaublich. Eine der Stützen des Friedrichstadt-Palasts Berlin.

The Wyld 20160126 Friedrichstadt-Palast Berlin - Besetzung 2_

„The Wyld“ am 26. Januar 2016 im Friedrichstadt-Palast Berlin

Das Ballett kann viel zeigen, wirklich Varianten reich, die Männer genauso oft im Spagat wie die Frauen und dazu öfter Oberkörper frei. Zudem springt ein Solotänzer als der männliche Gesangssolist ein. Wie das zu verstehen ist, wird nicht erklärt, jedenfalls singt er ganz fabelhaft solistisch mit. Bei dieser seit Jahren perfekten Tongestaltung in der Zuschauerarena plus verteilt agierender Showband muss das nicht auffallen. Früher gab es auch schon vorproduzierte Teile, die wirklich kein Zuschauer nicht einmal aus der Nähe als solche wahrnehmen konnte oder könnte.
Dazu gibt es noch drei Sängerinnen, die auch kurze Texte haben. Sehr elegant und sehr präsent – mitten drin und doch nicht nach vorne gestellt. Plus Pantomime Faycal Mihoubi als selbstironischer Wanderer durch die Bilder.
Nefertiti alias tanzende Noferete oder lebendiger Fernsehturm glänzt am stärksten von den Ballettsolisten, dazu der magische, doppelgesichtige Master of Ceremony und die geheimnisvolle Drag Queen plus einer „Lady In The Tower“, die hübsch etwas an Handlung hinein hauchen möchte.

Eigentlich scheint „The Wyld“ eine verunglückte Vier-Bilder-Revue zu sein. Wäre bestimmt stärker, wenn nur auf genau vier Revuebilder konzentriert geworden wäre von Mugler und Roland Welke. So zerfasert der erste Teil mit verpatztem Pausenknall und der zweite Teil wirkt wesentlich stärker. Das liegt eben an den beiden Themen erwachendes Museum mit Nofretete & Co (inklusive ab in einen Technobunker) sowie der Landung der tanzenden Aliens. Im ersten Teil ist wage „urbanes Berlin“ – die Steppnummer ist großartig – auszumachen, gefolgt von „eine Showtreppe stiehlt allen die Show“.

Palast-Talk 20160126 Friedrichstadt-Palast Berlin queer_Am 26. Januar 2016 gab es einen ersten Palast-Talk im Rahmen eines britischen Abends, wo interessante Parallelen und historische, politisch forcierte Unterschiede zwischen East End Berlin und West End London aufgezeigt wurden. In Deutschland wirkte die Politik schon nach dem Ersten Weltkrieg auf die Theaterbetreiber ein, aber in London existiert man eher vom Kartenverkauf und den Sponsoren. Das bedeutet eben auch, dem Zuschauer das zu bieten, was dieser bezahlen möchte – und das ist Entertainment. Mehr Subventionierung in London führt bei diesen Theatern dann auch zu weniger Entertainment …
Politische und gesellschaftspolitische Positionierungen gibt es trotzdem – nur eben nicht vordergründig oder zwanghaft betont. Gleich sind ihnen die „jungen“ Durchschnittsalter der Zuschauer, denn jeder ist willkommen – solange er eine Eintrittskarte bezahlen kann.
Ob alle Berliner schon die Show – nicht mehr Revue – „The Wyld“ gesehen haben (oder sich leisten konnten?). Da es aber so gut verkauft ist und die Zuschauer begeistert, kann ich nur dem Friedrichstadt-Palast Berlin zu diesem Erfolg gratulieren.

„The Wyld – Nicht von dieser Welt“ wurde am 23.10.2014 im Friedrichstadt-Palast Berlin uraufgeführt und wird bis zum Sommer 2016 gezeigt.

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