Abgangsmusik zum Bleiben

An einem Tag zwei Mal das gleiche Erlebnis: Die unspontane Applausordnung ist zu Ende, der Dirigent hat sich quasi nicht verbeugt und in die Solisten eingereiht, das Saallicht ist komplett wieder an. Und das Publikum bei den amerikanischen Musicals „Chicago“ und „Kiss Me, Kate“ möchte sich gerne in Ruhe – und im Sitzen – die Exitmusic anhören. Doch mit welcher Musik soll der geneigte und gewogene Zuschauer nun zur Garderobe geleitet werden? Vielleicht eine eingespielte Popversion eines Potpurris aus den Lautsprechern, denn Livekünstler werden wohl besonders be- und geachtet.
Vielleicht würde auch einfach ein klassischer Vorhang am (beinahe) Ende genügen. Doch wenn es den eben nicht gibt, dann reagiert das Publikum eben auch anders …

Die szenische und getanzte halbkonzertante Version „Chicago“ am Theater des Westens Berlin ist immer noch ein großartiger Abend. Sehr gute Idee, sehr gut umgesetzt, auch nach so langer Zeit wieder in Berlin. An vielen Stellen berührt die Geschichte zutiefst, packt, geht rein. Das muss erst mal Theater können – und hier kann es. Leider fehlt der Produktion eins (oder zwei): Stars! Nigel Casey geht da halb noch durch, doch die Damen (und Herren) beeindrucken für den Moment. Doch nach der Vorstellung? Die Gesichter verschwimmen.

Kiss Me, Kate 20160116 KOB - Besetzung_

Kiss Me, Kate

Zuviel Star hat dagegen „Kiss Me, Kate“ an der Komischen Oper. Regisseur Barrie Kosky hatte die Produktion auf die Schauspielerin Dagmar Manzel (nicht Sängerin!) zugeschneidet. Die nervt mit ihren unendlich vielen von der Probebühne mitgeschleppten, eingestreuten Improvisationen und bittet zu Beginn um Boulevardapplaus. Der Abend von zu viel Oberfläche und zu wenig Stück bzw. Musical begeistert das Publikum, steckt voller Ideen und zu viel Glitzer, hat zwei Lieder auch zu viel und will irgendwie nicht enden. Als Muppet-Show geht das noch gerade, doch da hätte ich Miss Piggy lieber. Regisseur-Theater eben, wie ich es nicht mag.

Wenn ich zuvor in der Einführung noch hören muss, dass das Book-Musical ja eigentlich erst mit Cole Porter bzw. Rodgers/Hammerstein II. nach dem Zweiten Weltkrieg angefangen hat, frage ich mich, was denn die anderen Stücke aus den 1920ern und 30ern sind. Und wenn dann behauptet wird, für geklonte Produktionen braucht man keine Schauspieler sondern nur Platzausfüller, werden Vorurteile geschürt und zum Brechen hoch gekaut. Eklig.

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