Ehe für alle inklusive käuflichen Adel – „Der Graf von Luxemburg“ im Opernhaus Chemnitz

Plötzlich wollen alle heiraten. Der Opernstar zudem den Beruf wechseln: Hausfrau! „Aber verlangen Sie nicht Liebe.“ René, der Graf von Luxemburg, heiratet blind, um viel Geld für sein Stillschweigen und seinen Titel zu bekommen. Seine Frau lernt er erst später kennen – und verliebt sich unbekannterweise. Da beide frisch Vermählten schon wieder in geplanter Scheidung leben, wäre ein gemeinsamer Seitensprung auch nicht schlecht …
Es geht um Zweier – und auch Dreierbeziehungen, doch von dem brisanten Spiel mit Erwartungen erlebe ich nichts bei der Premiere im Opernhaus Chemnitz. Keine Zwischentöne, kein Esprit, kein Witz. Überall nur Langeweile produziert das junge Regieteam, was vom „jungen“ Intendanten engagiert wurde. Ein Desaster und eine Bankrotterklärung an die Operette. So etwas wollte ich seit Jahren nicht mehr auf der Bühne sehen. Verklemmt und eingestaubt sind da noch freundliche Worte.
Einzig – LEIDER! – rettet Matthias Winter als urkomisch verliebter Fürst Basil Basilowitsch den verlorenen Abend. Ernster Charakter, glaubwürdig, in Nöten, leicht daneben und zur Freude des Publikums die Welt nicht verstehend. Was ihm den Abend über alles an Situationen gelingt, kann ich gar nicht alles aufzählen. Spielerisch und gesanglich top.
An seiner Seite dann im dritten Akt Sylvia Schramm-Heilfort als russische Gräfin Stasa Kokozow, die zu Lebzeiten ihres verstorbenen Gatten ihrem zukünftigen Ehemann Basil schon treu war, ebenfalls ihre Heiratspläne verfolgt und den Hotelboy nebenbei vernascht.
Ansonsten ist Regisseur Ulrich Proschka nichts eingefallen, lässt alle herum stehen und findet kaum Betonungen in einem vermeintlich spritzigen Dialog. Felix Bender begleitet mit seinem Orchester durchaus gut und die Sänger sind durchaus unverstärkt gut zu verstehen. Kein Wunder, denn nicht nur Christian Baumgärtel vergisst du spielen und singt/blickt/spielt zum Dirigenten. Aber Witz, Zwischentöne, Esprit in den Liedern? Auch da Fehlanzeige. Und der fast 40-Personen-Chor steht auf der Bühne und reagiert kaum und auf alle Fälle nicht individuell.
Nun gut, wer erinnert sich noch genau, wie es am 4. Februar und 3. Mai 1913 in Paris ausgesehen hat? Denn auf diese Tage wurde das Spiel genau festgelegt. Die Operette wurde allerdings davor am 12. November 1909 in Wien uraufgeführt.
Christof Cremer setzt auf große Bilder mittels weißer Architektur und überlässt Farben den Hauptdarstellerinnen. Das hat Konzept und Kraft. Zum Glück wandelt sich die halbrunde Rückwand auf der Drehbühne in ein mondänes Hotel mit beeindruckender Drehtür, die leider nur kurz im Einsatz ist – das Ballett darum ist wunderbar. Das Loft des Malers mit weißer Farbe auf weißen Grund ist mir dann zu klinisch sauber. Das schwarze-weiße-Kostümbild erschöpft sich zu schnell und der Opernstar sieht nicht wirklich nach einem Star aus. Das Ballett wiederum mit fließenden Kleidern und Fräcken wirkt exzellent in ihren klassischen Balletteinlagen – mit und auf High Heels! Sabrina Sadowska kreierte schöne Choreografien, die dann aber nicht unbedingt was mit dieser Operette zu tun haben.
Im Solistenensemble macht Franziska Krötenheerdt als taffe Juliette Vermont, die ihren Freund Armand Brissard endlich heiraten will, noch eine überzeugende Figur wie auch Jürgen Mutze und Edward Randall als Basils Begleiter und Komikerduo. Michael Heim und Maraike Schröter kämpfen mit großer Oper, noch größeren Opernposen eines eingeschränkten Bewegungsrepertoires und möglichst gewaltig klingenden Tönen. Wer das auch immer gerne mag …
Eine kaum doppelbödige Nicht-Inszenierung macht den Ruf nach Engagements von Operettenkönnern- und verstehern, wie es das kleine Theater Plauen-Zwickau quasi nebenan seit Jahren schon macht, immer lauter!

Graf von Luxemburg, Der 20150530 Oper Chemnitz - Banner mit DatumDer Graf von Luxemburg
Operette in drei Akten, Musik von Franz Lehár, Libretto von Alfred Maria Willner und Robert Bodanzky
Premiere am 30.05.2015 im Opernhaus Chemnitz
Regie: Ulrich Proschka / Musikalische Leitung: Felix Bender / Choreografie: Sabrina Sadowska / Ausstattung: Christof Cremer / Choreinstudierung: Simon Zimmermann, Nikolaus Müller
René, Graf von Luxemburg: Michael Heim / Angèle Didier: Maraike Schröter / Armand Brissard: Christian Baumgärtel / Juliette Vermont: Franziska Krötenheerdt / Fürst Basil Basilowitsch: Matthias Winter / Gräfin Stasa Kokozow: Sylvia Schramm-Heilfort / Sergei Mentschikoff: Jürgen Mutze / Pawel von Pawlowitsch: Edward Randall / Pélégrin; Hotelmanager: Thomas Mäthger / Saville: Peter Heber / Boulanger: Stephan Hönig / Lavigne: Jann Schröder / Marchand: Matthias Repovs / Sidonie: Ute Geidel/ Coralie: Elžběta Laabs

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