Dem Film eine Bühne geben: Uraufführung „Rock It!“ in Berlin

Rock It! - Das Musical_Logo+Motiv+www_150dpiDeutsches Musical in Strukturkrise? Eine exemplarische Versuchsanordnung weist in Berlin auf das Dilemma hin.

2010 kam der eigens geschriebene Musicalfilm „Rock It“ in die Kinos. Die 15-jährige Julia ist eine ausgezeichnete klassische Pianistin, die auf einen Platz im Musikinternat „Amadeus“ hofft, dabei aber lieber Keyboarderin in der Jungens-Rock-Band „Rock It“ wird. Klassik trifft auf Rock, E- auf U-Musik, Eltern auf Kinder. Dabei wird musiziert, gesungen, gespielt, getanzt und die deutsche Musicalszene ignoriert den gänzlich an ihr vorbei produzierten Kinofilm weitestgehend.

Das sollte die Uraufführung der Bühnenversion mit den gelungenen Liedern aus dem Film plus Ergänzungen nun ändern. Doch die Fassung kommt nicht über den Versuch einer Schüleraufführung hinaus, was nicht in erster Linie an den ca. 80 beteiligten Schülern liegt. Die machen das, was sie eben können – aber auch nicht mehr. Das Theater am Kurfürstendamm ist auch nur angemietet und bietet den professionellen Rahmen, Licht und Ton sind extra dabei.

Doch den Film mit seinen Dialogen einfach live nachzuspielen, ist herzlich plump, wenig und schwach. Wer ist denn auf die Idee gekommen, „Live on Stage“ würde genügen? Leider fanden die Produzenten keine Unterstützung aus der Musicalbranche, die den Film für die Bühne gründlich umgeschrieben hätten. Als nächstes fehlt ein Regisseur, der Szenen zum Leben erweckt und den Schülern Spielmöglichkeiten zeigt. Daniel Axt als Filmhauptdarsteller und Rockmusiker scheint da nicht gut besetzt gewesen zu sein. Das Profis über einen längeren Zeitraum mit Schülern durchaus arbeiten können, hat die Theaterpädagogik der Komischen Oper unlängst mehrfach mit „Oper sucht Klasse“ bewiesen.

Rock It! - Das Musical_Logo+EnsembleMotivDer Film schlecht für die Bühne adaptiert und schwach inszeniert. Musikalisch interessant aufgepeppt mit einem großen, klassischen Jugendorchester der Schostakowitsch-Musikschule Berlin-Lichtenberg, dem Backgroundchor Canzonetta und einer Rockband plus dann die musizierenden Darsteller (wenn sie denn alle alles live spielen würden …). Doch jeder stößt schnell an seine Grenzen, auch wenn Dirigent Till Schwabenbauer alles im Blick hat. Rätselhaft das Einfügen von zwei klassischen Werken, die dann wiederum so schwer sind, dass sie einfach gerade so klingen wollen.

Die Choreographien sind dem Film entlehnt, die für die Bühne auch zu schwer sind. Zum anderen wird mächtig Ballett zitiert, was wunderschön gemeint ist, aber in Berlin von Schülern auf anderen Bühnen wesentlich anders zu sehen ist. Mit Kulissen wird geschoben, was aber den Schnitt vom Film hinterher hechelt. Atmosphäre ist anders. So sehen durchaus Schüleraufführungen in Berliner Gymnasien aus. Manchmal aber dort auch besser, weil mit Musicalprofis zusammen gearbeitet wurde.

Die Schüler sind meist mehrfach besetzt und zeigen Lust am Spiel. Sie sind mit viel Einsatz dabei und sehr souverän. Schlagzeuger Thilo Brandt ist der absolute Felsen in der Brandung. An ihrer Seite geben Erwachsene die Lehrer- bzw. Elternrollen, wo Jana Lose als Direktorin und Tobias Frieben als Beachclubleiter positiv auffallen.

Was wäre wenn? Was wäre, wenn Musicalautoren und Texter den Film für die Bühne adaptiert hätten? Was wäre, wenn ein Musicalregisseur mit den Schülern gearbeitet hätte und neue Tänze für sie individuell gestaltet worden wären? Was wäre, wenn Musical in Deutschland nicht dauerhaft auf der ehrenamtlichen Schiene festgezurrt wäre?  Rock It! - Das Musical zum Film 20150327 Theater am Kurfürstendamm Berlin - TAMUTHEA eV - Banner 2

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