Jungensabenteuer, Freundschaft und erste Liebe – Uraufführung nach 64 Jahren

Tom Sawyer & Huckleberry Finn 20141004 Deutsches Theater Göttingen - PlakatImmer wenn der musikalische Leiter Michael Frei zum Banjo greift, ist sie da, die Atmosphäre von einem abenteuerlichen Amerika mit unbeugsamen Jungens wie Tom Sawyer & Huckleberry Finn, die die Welt entdecken.

Ansonsten schaut man auf die triste Billy-Elliot-Ästhetik von Bühnenbildnerin Anne Ehrlich. Das Einheitsbühnenbild mit zusätzlicher Betonfront und ansonsten leer geräumten Bühnenraum verhindert jegliche aufkeimende Romantik. Christina Schmitt versucht zaghaft in ein vergangenes, untechnisiertes Jahrzehnt zurückzuschauen. Aber eine Augenweide ist die Produktion nicht.

Das klare Spielen der Situationen und inneren Kämpfe mit dem elfköpfigen Ensemble kann nicht von der bemühten Inszenierung von Lilja Rupprecht ablenken. Es ist ein großes Plus, dass die 8 Herren und 3 Frauen zusammen mit den 6 spielenden Kindern ein einheitliches Ensemble bilden, doch die auf der Bühne verteilten 8 Musiker sitzen da dann doch eher nur. Szenengesang aus dem Off, vom Publikum weggedrehtes Ensemble und unnötiger Videoeinsatz in einer damaligen Welt – die Liste des ungereimten Regisseurinnentheaters ist lang.

Tom Sawyer und Huckleberry Finn (Moritz Schulze und Gabriel von Berlepsch) erleben Abenteuer und versuchen gar nicht zu erklären, warum die beiden so unterschiedlichen Jungens eine so starke Freundschaft verbindt. Das überzeugt und berührt. Doch mitten in den Szenen übernimmt Tom – als Erwachsener (Florian Eppinger) – dann plötzlich gerne auch mal Dialogpassagen, um nicht nur Kommentator der Erinnerungen zu sein. Das wird nicht erklärt, erschließt sich nicht, wirkt aufgesetzt, behauptet und entbehrlich.
Ansonsten sind neben den spannenden Kindern, was sich in der Schulklasse merkwürdigerweise ganz automatisch zu Einem fügt, Felicitas Madl als neue, spröde Mitschülerin Becky – in die sich Tom verliebt -, Katharina Uhland als Huckleberry erziehende Witwe Douglas, Ronny Thalmeyer als unschuldig vorverurteilter Muff Potter und Benjamin Kempf als gefährlicher Indianer-Joe zu nennen.

Tom Sawyer & Huckleberry Finn 20141004 Deutsches Theater Göttingen - SchriftzugIm Februar 1950 begann Kurt Weill gemeinsam mit Maxwell Anderson an den Arbeiten zu einem Musical nach Mark Twains “Huckleberry Finn”, zu dem es auch den Roman “Die Abenteuer des Tom Sawyer” gibt. Da der Dessauer Kurt Weill am 3. April 1950 in New York starb, blieben nur die ersten sechs Lieder. Im Auftrag des Verlags Felix-Bloch-Erben wurde Autor John von Düffel beauftragt, eine Bühnenfassung samt neuer, deutscher Gesangstexte zu schreiben. Der in Göttingen geborene Dramaturg und Schriftsteller hat zwar Musicalerfahrung, doch im Verlaufe des zweistündigen pausenlosen Abends wirkte alles immer mehr nur konstruiert. John von Düffel ist als Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin. Er hatte mit “Call the Police” 2006 in Neuss ein zurecht vergessenes Musical geschrieben, dann den Film “Schuh des Manitu” 2008 für die Stage Entertainment in Berlin adaptiert (mäßig erfolgreich) und dann mit “Gefährten” ebenfalls im Theater des Westens auch kein Glück. Immerhin ist er mit seinen Schauspielarbeiten erfolgreicher und mit Preisen ausgezeichnet.

Interessant bleibt die musikalische Seite mit den mehrmals verwendeten Liedern, die sich in der Orchestrierung von Frank Hollmann und Michael Frei im dahinziehenden Abend immer wieder neu und frisch vorbei kommen.

Was wäre gewesen, wenn ein Musicalerfahrenes und Musicalaffines Team die Chance bekommen hätte? Eine wirklich berührende Coming-of-Age-Geschichte mit Musik schreiben, eine fantasievolle Inszenierung mit Ideen und Timing in einem ansprechenden Bühnenumfeld entstehen lassen. Was wäre wenn.
Tom Sawyer & Huckleberry Finn im Deutschen Theater Göttingen – 8. März 2015 © Frank Wesner_

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